Donnerstag, Oktober 16, 2008

Textilrestauration im Neuen Palais Potsdam

Eine Führung der Besonderen Art konnten wir gestern in Potsdam erleben.

Eine Gruppe des Patchworktreffs-Berlin-Brandenburg wurde von der Werkstatt der Textilrestauration der Preußischen Schlösser und Gärten in das Neue Palais eingeladen.


Die Werkstätten und das Depot waren im obersten Stockwerk untergeracht. Hier waren früher die Gästezimmer der Hofdamen.

Es war ein erhabenes Gefühl in diesen Räumen voller Geschichte den Erzählungen der Restauratorinnen zu lauschen. Bewundern konnten wir hier eine alte helle Damastdecke, die ausgebreitet auf einen großen Tisch lag. Sie wurde in einer Weberei in Russland anlässlich der Hochzeit von Prinzessin Charlotte von Preußen und Großfürst Nikolaus von Russland angefertigt und wurde dem Bruder Charlottes als Gastgeschenk überreicht. Hauptmotive auf der Decke ist eine Krönungszeremonie im Moskauer Kreml in Mittelteil der Decke. Den Rahmen bilden Porträts des Hochzeitspaares immer im Wechsel.

Die Feinheit dieser Arbeit wird erst bei genauem Betrachten sichtbar. Bevor an einem Stück gestichelt werden kann wird eine genaue Analyse erstellt. In einem Lichtkasten und mit dem Mikroskop geht das am Besten. Dadurch konnte festgestellt werden, dass die Damastdecke als Tischdecke verwendet wurde. Mit unvorstellbar feinen Fäden wurde gewebt - 100 Fäden Leinen pro Zentimeter in der Kette und 50 Fäden Seide pro Zentimeter im Schuss wurden verarbeitet. Ich mag nicht daran denken wie lange es gedauert hat den Webstuhl einzurichten.

Größte Feinde der Textilien sind Licht, Staub und Knickstellen. Mit Seidenkrepeline und Seidenorganza werden Schadstellen und Ränder hinterlegt und mit feinstem Seidenfaden befestigt. Es geht darum Vorhandenes zu erhalten. Repariert im herkömmlichen Sinne wird nicht.

Die Decke ist Lieblingsstück einer Restauratorin, sie arbeitet (mit Unterbrechungen) seit mehr als 20 Jahren - seit ihrer Ausbildung - daran.

Fotografiert habe ich die Decke nicht - heller Damast ist etwas für Profis :)


Im zweiten Zimmer wurden verschiedene Proben für uns ausgelegt um uns die Arbeit der Restauratorinnen zu erläutern. Wie ihr sehen könnt, liegen verschiedene Seiden aus. Es handelt sich dabei u. a. um eine Bettausstattung eines Schlafzimmers in Sanssauci. In den siebziger Jahren war das Zimmer mit wundervoll bestickten Decken und Vorhängen ausgestattet worden. Dann fand man in den achziger Jahren in einer Wandverkleidung noch Reste der Originalbespannung. Daher wusste man von der narzissengelben Farbe und konnte eine neue Ausstattung in Auftrag geben. Doch diese Textilien hielten nur 30 Jahre, als Kettfaden wurde Baumwolle statt Leinen verwendet. Schloss Sanccauci ist ein sonnendurchflutetes Schloss, so das die Baumwolle schnell brüchig wurde. Jetzt hat man wieder eine neue Garnitur anfertigen lassen. Der Atlas sieht durch den Leinenfaden noch edler aus und wird jetzt hoffentlich länger halten.

Hier sieht man im Vordergrund eine uralte zerschlissene Decke - ein Quilt Friedrich des Großen. Diese Decke war Vorbild für Neuausstattungen, die Quiltmuster und auch das hochinteressante Innenleben (lose Baumwollflusen) werden für neue Decken verwendet.


Zu jedem Bett gehörte auch solche riesige Nackenrolle. Am Rand sieht man eine alte Goldspitze, die jetzt restauriert wird. Dazu wird die Spitze mit Alkohol gereinigt, dann werden die Fäden gerade "gezupft" und Stich für Stich aufgenäht.

Viel Zeit beansprucht die Suche nach Materialien und Mustern. Eine Kunsthistorikerin steht ihnen immer zur Seite. Aus alten zerschlissenen Stoffen werden die Muster nachgemalt, so kann man manchmal feststellen woher der Stoff kam.

Ganz stolz ist man auf zwei originale Wandbespannungen im Neuen Palais. Da das Neue Palais hauptsächlich zu Repräsentationszwecken genutzt wurde, waren die Räume nicht so stark beansprucht - im Gegensatz zu Schloss Sanssouci.

Der gesamte Park Sanssouci war eine goldene Pracht.